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Quizfrage
Auf dieser Seite veröffentlichen wir regelmäßig eine historische Quizfrage, entnommen mit freundlicher Genehmigung dem Newsletter des Brockhaus-Verlages.
Bitte informieren Sie uns, wenn Sie - angeregt durch diese Seite - daran teilnehmen und womöglich ein Buch gewonnen haben!
Quizfrage: Der Mann, der den Kaiser zum Narren hielt
In jener Zeit, über die hier berichtet werden soll, hatte die staatliche Zensur noch scharfe Krallen: Selbst Historisches wie der Simplicissimus von Grimmelshausen, Harmloses wie der »Heilige Antonius« von Wilhelm Busch, Gesellschaftskritisches wie die Satiren von Ludwig Thoma waren von Verboten bedroht. Unter dem Vorwand der Gotteslästerung, Majestätsbeleidigung, Anstiftung zum Aufruhr wurden Autoren drangsaliert, ins Gefängnis geworfen, Theater oder Redaktionen geschlossen, sogar Existenzen vernichtet.
Gleichwohl gelang es einem Mann, eines der raffiniertesten Pamphlete der Literaturgeschichte an die Öffentlichkeit zu bringen. Er legte all sein Unbehagen an den politischen Zuständen, seine Kritik an der Person des Herrschers und seine Sorge um die Zukunft des Landes in diese Schrift. Und obwohl er dies ganz offen unter seinem eigenem Namen tat, sah sich die Zensur außerstande, etwas dagegen zu unternehmen.
Denn der Gesuchte kleidete seine Angriffe in eine harmlose historische Abhandlung: Er schrieb über den dem Wahnsinn verfallenen römischen Gewaltherrscher Caligula. Einen Kaiser, der viel zu jung an die Macht gekommen war, dessen übertriebenes Geltungsbedürfnis und Rastlosigkeit seltsame Blüten trieb. Einen Mann, der sich zu Höherem berufen fühlte und dessen zahlreiche aus dem Stegreif gehaltene Reden vor Blut und Grausamkeit nur so troffen.
Spätestens hier machte es bei den Lesern der kleinen Schrift »Klick« und vor dem geistige Auge stand nicht mehr das marmorne Antlitz jenes Gewaltherrschers aus einer allzu fernen Vergangenheit. Vielmehr schoben sich ganz andere Züge aus Fleisch und Blut in den Vordergrund: Ein wohlvertrautes Gesicht, das aus Denkmälern, pompösen Ölschinken, Stichen und Fotografien mit betont markigem, militärischem Habitus herabstarrte.
Dennoch dauerte es zu Anfang etwas, bis die Öffentlichkeit aufmerksam wurde. Unser gesuchter Autor berichtet selbst, wie der Stein ins Rollen kam:
Dann begab sich etwas sehr Seltsames: Kurz ehe der Reichstag in die Pfingstferien ging, traf August Stein, der bekannte ... Vertreter der Frankfurter Zeitung, am Eingang zum Reichstag die beiden Redakteure der Kreuzzeitung Freiherrn v. Hammerstein und Dr. Kropatschek. Einer von ihnen (wohl Hammerstein) redete Stein an: »Haben Sie den Caligula gelesen?« »Caligula? Was ist das? So ein oller römischer Kaiser?« Ach was, das ist Er!« »Er? ja wer denn?« »Nun, Er, Er, der Kaiser, wie er leibt und lebt. Das Ding ist von einer Frechheit, unglaublich, aber von einer göttlichen Frechheit. ... Hören Sie, das ist etwas für Sie, schlagen Sie in der Frankfurter Zeitung Lärm.«
Dem Vertreter der Frankfurter Zeitung war die Sache allerdings zu heiß. Und so brachten ausgerechnet die Redakteure der tiefkonservativen Kreuzzeitung selbst den Skandal ans Licht.
Und damit wurde die trockene wissenschaftliche Abhandlung im gesamten Deutschen Reich zum unverhofften Lesespaß: Ob aus heller Empörung, stiller Schadenfreude oder leisem Grauen. Jeder suchte nach weiteren Parallelen und wurde prompt fündig. Denn der Autor hatte den Text überreich mit solchen Textstellen angereichert, die sich wunderbar als Bestandsaufnahme der Gegenwart lesen ließen: Die Begeisterung des Herrschers für die Flotte, die kritiklose Liebdienerei bei Hofe, die Arroganz, mit der sich der Herrscher seines weisen Beraters entledigt hatte. Jeder musste hier unwillkürlich an die Entlassung Bismarcks denken.
Der Erfolg dieser kleinen Abhandlung war atemberaubend. Insgesamt kam die Schrift auf 31 Auflagen. Und die Zensur? Die war in diesem Fall tatsächlich machtlos. Denn unabhängig davon, was die Menschen hineinlesen mochten. Den Buchstaben nach war es ein seriöser historischer Aufsatz, der sich streng an die von römischen Historikern überlieferten Texte hielt. Vor Gericht hätte das Verbot keinen Bestand gehabt. Schlimmer noch: Die Zensoren hätten damit überhaupt erst zugeben müssen, dass sie eine solche (eigentlich absurde) Verbindung zwischen dem wahnsinnigen römischen Herrscher und dem Deutschen Kaiser unterstellten.
Unser gesuchter Autor bezahlte für diese Schrift dennoch einen hohen Preis. Er hatte begründete Aussichten auf eine wissenschaftliche Kariere gehabt. Damit war es nun vorbei. Als er einmal eine Aufforderung, ein Gedenkzeichen für den Kaiser zu stiften, als Frechheit bezeichnete, steckte man Ihn für drei Monate ins Gefängnis. Er begann sich daraufhin politisch und vor allem in der Friedensbewegung und hier besonders für den Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich zu engagieren. Für sein Friedensengagement wurde er mit einer hohen internationalen Auszeichnung geehrt. Trotzdem ist er heute fast vergessen.
Wie heißt der Autor der Abhandlung, die die Zensoren zur Verzweiflung brachte?
Richten Sie Ihre Antwort mit Ihrer Adresse bis zum 30. August 2010 an:
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