Die Stadt, in der dieser kränkliche, leicht behinderte Junge aufwuchs,
stand buchstäblich unter Dampf. Überall in den Fabriken trieben kleine
und grosse Dampfmaschinen die Transmissionsriemen an, die ihrerseits
Förderbänder, Werkzeug- oder Spinnmaschinen in ständiger Bewegung
hielten. Die wirtschaftliche Produktivität erreichte bislang nie gekannte
Höhen, bot einer wachsenden Bevölkerung Arbeit und Brot. Zugleich lag
ein beissender Kohlequalm wie ein düsteres Leichentuch über ganzen
Regionen. Die Fabrikanten sprachen von Fortschritt, auswärtige Besucher
von einem Inferno, die Historiker rückblickend etwas neutraler von der
industriellen Revolution. Es war eine Zeit, in der nicht Gelehrte an der
Universität, sondern Privatleute - Fabrikbesitzer, Kaufleute, Ingenieure,
reiche Bürger und bisweilen sogar einfache Arbeiter und Angestellte - das
Tempo des wissenschaftlich-technischen Fortschritts bestimmten. Und der
Lebenslauf des Gesuchten kann dafür als exemplarisch gelten.
Er hat nie eine reguläre Schule besucht, nie studiert. Sein Vater, ein
vermögender Brauereibesitzer, liess ihn und seinen Bruder von
Privatlehrern unterrichten. Während sein Bruder sich der Musik zuwandte,
erwachte ihn ihm ein reges naturwissenschaftliches Interesse. Bereits als
Jugendlicher begann er - unterstützt vom Vater - zu experimentieren. Und
die Zeit war wie gemacht für Autodidakten. Wer sich als Privatmann
aktülles naturwissenschaftliches Wissen erwerben wollte, der schrieb sich
besser nicht an der Universität ein, sondern trat vielmehr einer der
vielen naturwissenschaftlichen Gesellschaften bei, die allen Bürgern
offenstanden.
Er begann auch, sich als Erfinder zu betätigen - sein Ziel: Die
Dampfmaschinen der väterlichen Brauerei durch leistungsfähigere
elektromagnetische Maschinen zu ersetzten. Drei Modelle konstruierte er,
dreimal scheiterte er: Keine seiner Maschinen erwies sich als annähernd
so effektiv wie die Dampfmaschinen. Aber genau dieses Scheitern führte zu
einem entscheidenden Durchbruch in der Physik und Chemie. Denn als er nach
den Ursachen forschte, kam er dem grundlegenden Zusammenhang von
mechanischer Arbeit und Wärme auf die Spur. Seine Theorie gab einen
völlig neuen Einblick in die Beschaffenheit von Wärme.
Seine Ideen stiessen auf Interesse, und der menschenscheue, stets um
seine Gesundheit besorgte Forscher, sah sich von Einladungen für Vorträge
und Angeboten für Posten in wissenschaftlichen Gremien überhäuft.
Und je mehr er sich selbst als Naturwissenschaftler verstand, desto
unwilliger erledigte er seine unternehmerischen Aufgaben. Schliesslich
verkaufte er die vom Vater übernommene Brauerei und arbeitete in der
Folgezeit praktisch unentgeltlich, bis sein Vermögen aufgebraucht war. Zu
den gesundheitlichen Problemen und privaten Schicksalsschlägen kamen
finanzielle Unsicherheiten. Erst im Alter billigte man ihm eine kleine
Rente zu.
In der Wissenschaft aber blieb seine Leistung unvergessen. Wenige Jahre
nach seinem Tod wurde eine wichtige Masseinheit nach ihm benannt. Ein
Masseinheit, die übrigens nicht nur für Naturwissenschaftler oder
Ingenieure von Bedeutung ist. Auch der ernährungsbewusste Verbraucher
kann sie täglich auf den Nahrungsmittelkennzeichnungen der Verpackungen
vorfinden.
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