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von Antje Grund
Ansprache zum Holocaust-Gedenktag am 27.1.99 im Ev. Gymnasiums zum Grauen Kloster
Heute, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, gedenken wir der Opfer des Holocaust. Das wirkliche Gedenken schließt das Bewußtsein von den Schwierigkeiten der Erinnerung mit ein.
Reflektieren wir aber die Schwierigkeiten, wird die gedankliche, emotionale und sprachliche Annäherung an Auschwitz schwieriger - in der Tat muß eine "neue Sprache der Erinnerung" in jedem einzelnen Fall gesucht werden - sie wird schwieriger und zugleich notwendiger.
Gedenken wir zunächst des Schweigens der Opfer. Das Schweigen und Erinnern der Opfer des Naziterrors ist für sie eine Frage der Existenz. Jorge Semprun, der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 1994, der als junger Resistancekämpfer nach Buchenwald deportiert wurde und nach der Befreiung des Lagers sich für die Politik und gegen die literarische Aufarbeitung entschloß, um die Alternative "Schreiben oder leben" - so der Titel des ausgezeichneten Buches - zugunsten des Lebens zu entscheiden, bricht sein Schweigen erst, als ihn, von der Kommunistischen Partei in die Illegalität gezwungen und im Untergrund lebend auf sich selbst verwiesen, die Erinnerung einholt: Nach 16 Jahren Schweigen verfaßt er 1961 sein erstes Buch über Buchenwald: "Die große Reise", allerdings ohne Gedanken an Veröffentlichung. In seiner Dankesrede zur Preisverleihung erklärt Semprun seine Lage:
- ... Jene Erinnerung an den Tod ... war mir unmöglich. Man verstehe mich: es war nicht unmöglich zu schreiben - es wäre unmöglich gewesen, das Schreiben zu überleben. Das einzig vorhersehbare Ende jenes Abenteuers, Zeugnis ablegen zu wollen wäre mein eigener Tod gewesen ...
Mich ... stieß jede geschriebene Seite, die ich mir mit Gewalt entreißen mußte, hinein in eine unheilvolle und todbringendende Erinnerung, sie raubte mir den Atem mit den Ängsten jener Vergangenheit. Ich mußte zwischen dem Schreiben und dem Leben wählen und entschied mich für das Leben. Aber indem ich mich dafür entschied, mußte ich das Lebensprojekt, Schriftsteller zu werden, aufgeben - ein Vorhaben, das mich sozusagen seit der Kindheit begleitet und mein eigentliches Selbst ausgemacht hatte. Ich mußte mich dafür entscheiden, ein anderer zu sein, nicht ich selbst zu sein, damit ich irgend jemand, irgend etwas sein könne. Denn es war natürlich unvorstellbar, daß ich überhaupt etwas schreiben könnte, nachdem ich den Versuch aufgegeben hatte, literarisch über die Erfahrung in Buchenwald Rechenschaft abzulegen.
Das erklärt zum Teil meine Entscheidung für die Politik. Wenn Schreiben mich in der grauenhaften Erinnerung an die Vergangenheit festhielt, so projizierte mich die politische Tätigkeit in die Zukunft. Das zumindest glaubte ich, bis die Zukunft, die die kommunistische Politik zu gestalten vorgab, ihren unheilvollen Charakter enthüllte: Das war nur eine Illusion von Zukunft.
(Frankfurter Rundschau, 10. Oktober, 1994)
Semprun gedenkt seines Schriftstellerkollegen und Leidensgefährten Primo Levi, in dessen Buch "Die Atempause" über die Heimreise nach der Befreiung von Auschwitz nach Turin er die gleiche Erfahrung beschrieben sieht: Die Todesdrohung im Lager bestimmt für alle Zukunft die Existenz der weiter Lebenden total. Bei der Gegenwart des Todes durch die Erinnerung an das Lager gibt es offenbar nur paradoxe "Lösungen" wie die Existenz durch Schreiben und zugleich die Vernichtung durchs Schreiben, illusionäre Lebensentwürfe oder eine "Atempause" für Versuche mit einem Leben außerhalb des Lagers. Diese Atempause stellt sich jedoch als ein Traum heraus, aus dem es nur ein Erwachen gibt: die Erinnerung an das Todeslager.
- Ich sitze am Familientisch, bin unter Freunden, bei der Arbeit oder in einer grünen Landschaft - die Umgebung jedenfalls ist friedlich, scheinbar gelöst und ohne Schmerz; dennoch erfüllt mich eine leise und tiefe Beklemmung, die deutliche Empfindung einer drohenden Gefahr. ... und plötzlich weiß ich, was es zu bedeuten hat - und weiß auch, daß ich es immer gewußt habe: Ich bin wieder im Lager, nichts ist wirklich außer dem Lager; alles andere waren kurze Ferien oder Sinnestäuschung, Traum...
(Primo Levi, Die Atempause, München 1994, S. 245)
Den Todessturz Levis in seinem Haus in Turin in der Nacht vom 10. auf den 11. April 1987 versteht Semprun als Ausdruck dieser Unhaltbarkeit des "inneren Traums vom Frieden" im Alptraum von Auschwitz.
Diesem Schweigen und diesen Erinnerungsnöten steht ein anderes Schweigen gegenüber, das sich als Hindernis dem Gedenken in den Weg stellt: Die Gründe dafür sind zahlreich: die Verdrängung von Schuld in der Generation unserer Eltern; die Erklärung in meiner Generation, nicht zuständig für die Erinnerungsarbeit zu sein, da man nicht schuldig sei; der Überdruß bei den Jungen gegenüber ritualisierten Pflichtübungen angesichts einer geschichtlichen Katastrophe, die als vergangen abgetan wird und uns nichts mehr angehe; der Hinweis auf (vermeintliche) Instrumentalisierung von Auschwitz und vereinzelten Mißbrauch (wie mit den falschen Lagerberichten eines Schweizers geschehen); der Versuch der Relativierung von Auschwitz mit dem Argument, Auschwitz sei kein ausschließlich deutsches Phänomen; die Erklärung, man könne die Bilder (Bücher und Filme) über Auschwitz psychisch nicht ertragen und manche Einwände mehr.
Ich empfinde diese Einwände als äußerst beschämend, als gefährlich, ich halte manche für raffinierte Ausreden, auf jeden Fall für moralisches Versagen. Nichts kann uns freisprechen von der moralischen Verantwortung, die Aufarbeitungspflicht unserer Vorgängergenerationen zu übernehmen. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" ist eine geschichtliche Erfahrung, der wir uns als Mitglieder dieser Nation stellen müssen.
Ein weiterer Grund für die Auseinandersetzung eines jeden einzelnen von uns mit Auschwitz liegt für mich in der Psychologie des Menschen. Eine Dimension des Menschen ist die moralische Indifferenz gegenüber anderen, die leiden. Dies zeigt sich am Wegschauen, an stillschweigender Duldung von Gewalt, die umschlagen kann in aktive Verletzung der Rechte des anderen und sich steigern bis zu sadistischer Verrohung.
Diese Möglichkeit liegt in jedem Menschen bereit, und würden wir uns ernsthaft die Frage stellen, welche Rolle wir in einem solchen Lager wie Auschwitz eingenommen hätten, wir werden erschrecken vor den Möglichkeiten, die Wirklichkeit werden könnten. Die Zerbrechlichkeit des moralischen Gerüsts des einzelnen Menschen unter dem Druck des Vernichtungssystems, unter dem die Hoffnung auf die Widerstandskraft des Guten fast vollständig verschwindet, zeigt der Gedanke von der Austauschbarkeit der Rolle des Opfers und der des Peinigers in Peter Weiss': "Die Ermittlung":
- Viele von denen die dazu bestimmt wurden
Häftlinge darzustellen
waren aufgewachsen unter denselben Begriffen
wie diejenigen
die in die Rolle der Bewacher gerieten
Sie hatten sich eingesetzt für die gleiche Nation
und für den gleichen Aufschwung und Gewinn
und wären sie nicht zum Häftling ernannt worden
hätten auch sie einen Bewacher abgeben können
Wir müssen die erhabene Haltung fallen lassen
daß uns diese Lagerwelt unverständlich ist
Wir kannten alle die Gesellschaft
aus der das Regime hervorgegangen war
das solche Lager erzeugen konnte
Die Ordnung die hier galt
war uns in ihrer Anlage vertraut....
(Peter Weiss, Die Ermittlung, Hamburg, 1969, S. 78ff)
Und Eugen Kogon nennt die Spaltung des SS-Täters zwischen Liebesfähigkeit und Familiensinn auf der einen und Habgier, Korruption, Brutalität und Sadismus auf der anderen Seite ein Phänomen, das psychologisch überhaupt kein Rätsel sei (E. Kogon, Der SS-Staat, München 1994, S.380).
Diese beschriebene Hinfälligkeit der menschlichen Moralität sehe ich jedoch keinesfalls auf Auschwitz begrenzt, sondern als ein Phänomen, das vor Auschwitz existiert hat und das nach Auschwitz bis heute existiert.
Als eine visionäre Vorwegnahme der Barbarei der Nationalsozialisten ist Kafkas Roman "Der Prozeß" aus dem Jahr 1925 von dem polnischen Schriftsteller Louis Begley gewürdigt worden ("Die Zeit ", 30.Dez. 1998, Nr.1,S.39). Josef K, angeklagt ohne Schuldvorwurf, nur aufgrund seines So-Seins, fällt einer "unberechenbaren Notwendigkeit" zum Opfer und wird ohne Gelegenheit zur Verteidigung und ohne Urteil hingerichtet wie ein Hund. Zugleich wird K. - so verstehe ich endlich das sehr rätselhafte 4. Kapitel: "Der Prügler" - einsam in der Masse gleichfalls Beschuldigter und entwürdigt durch das Ungewisse seiner Zukunft und der ständig drohenden eigenen Liquidierung mitschuldig an der Malträtierung seiner beiden ehemaligen Wächter: Er wird Zeuge ihrer Mißhandlung, aber er schreitet nicht ein, er, selbst ein Opfer, erschöpft von der aussichtslosen Mühe, die eigene Haut zu retten, wird, dadurch daß er zuschaut, wie sich äußerste Brutalität mit der größten, fast noch von den Opfern selbst schicksalhaft hingenommenen Selbstverständlichkeit vollzieht, zum Täter.
In diesem Bild sehe ich hier und heute und ständig für normal geltende Haltungen vorweggenommen: die Unfähigeit, das eigene im anderen zu erkennen, Vereinzelung, moralische Indifferenz, Passivität, Anpassung an Strukturzwänge, Aufgabe von Spontaneität und Kreativität, Mangel an Zivilcourage, Übervorteilung, Doppelbödigkeit. Gedenken an die Opfer von Auschwitz ist also notwendig - nicht als Pflichtübung oder aus Gewohnheit oder um das Image des allgemein Gebildeten herauszukehren, bei einer Sache, unter die insgeheim oder öffentlich der Schlußstrich gezogen wird, weil das Ereignis der Vergangenheit angehöre, sondern als Erinnerung eines jeden einzelnen, weil die negativen Potenzen im Menschen nicht Vergangenheit sind. Dies ist eine nie erledigte, nie abschließbare Aufgabe, weil menschliches Vorstellungsvermögen Auschwitz nicht erfassen kann. Aber gegen Versagen, Verzweiflung und Lähmung müssen wir geistesgegenwärtig all unser Gutes aufbieten: gegen Gedankenlosigkeit Geistesgegenwart, gegen Wegschauen Hinschauen, gegen naives Nichtwissen bewußte Aneignung, gegen Gleichgültigkeit Sympathie, gegen Verachtung Identifikation, gegen Herabsetzung Unterstützung, gegen Intrigen Offenheit, gegen Lügen Wahrhaftigkeit, gegen Schweigen Gespräch, gegen Verrat Freundschaft, gegen Ausschließung Aufnahme, gegen Mittäterschaft Widerstand, gegen Grausamkeit Liebe. Dazu gehört ein öffentlich wirksames Auftreten, um diese Richtung der Erinnerungsarbeit anzuzeigen.
Verhängnisvoll finde ich das Gegenteil, die Erklärung z. B. des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels von 1998, das Gewissen sei eine Privatsache. Entzieht man sich auf diese Weise der Öffentlichkeit, ist der Anfang gemacht, das Gewissen durch die Hintertür ganz aus dem Bewußtsein zu entlassen. Was nicht gesagt wird, existiert nicht.
Zum Schluß möchte ich aus dem ermutigenden autobiographischen Buch "weiter leben" von Ruth Klüger zitieren, einer Jüdin, die in Konzentrationslager deportiert worden ist und die Befreiung in Christianstadt (Groß-Rosen) als 13jährige erlebt hat. Beispiellos ist ihre Wahrnehmung Hoffnung gebender Verse aus dem Hauptwerk des deutschen Nationaldichters, um die Todeslager zu überleben, die vorurteilslose Würdigung und damit eigentlich erst Geltendmachung des als Dichter des Humanen und des sittlich Guten verehrten Goethe, dessen Idealismus nicht weniger enthusiastische Kenner der deutschen Literatur wie Jorge Semprun als Kehrseite derselben Medaille und damit vereinbar mit der Barbarei desselben Volkes erkannt haben.
(Man lese von Jorge Semprun: Buchenwald: 1944-1945 (Goethe-Jahrbuch, 1995) und den Roman: "Was für ein schöner Sonntag" (Frankfurt 1981). Er läßt den ins 20. Jahrhundert wiedergekehrten Dichter mit Johann Peter Eckermann auf dem Ettersberg spazierengehen, vorbei am Konzentrationslager Buchenwald, dessen ins Lagertor eingelassene schmiedeiserne Inschrift: "Jedem das Seine" keineswegs die Humanitätsgedanken Goethes aufstört, ist ja doch bei Nichtkenntnis bzw. Nichtkenntnisnahme der Funktion des Lagers die Inschrift sowohl platonisch-idealistisch als auch sozialistisch-revolutionär interpretierbar. Goethe jedenfalls nimmt keinen Anstoß an der in Buchenwald geschehenen Verwendung.)
Im Lager liest Ruth Klüger in einem zerfledderten Schullesebuch, in dessen Besitz sie durch einen unwahrscheinlichen Glücksfall gelangt ist, den "Osterspaziergang" aus dem "Faust" als eine Befreiungsbotschaft:
- Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes:
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt`s im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie deiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
(Goethe, Faust I, "Vor dem Tor", 903-928)
- Damals hab ich, halb verrückt vor Hunger, rohe Kartoffelschalen auf einem Ofen, den wir mit gestohlenem Holz heizten, gebraten und nur deshalb nicht roh gegessen, weil man sich daran leicht erbricht und auch Durchfall bekommt. Aus dem Frieren kam man überhaupt nicht heraus. Gerade wenn man sich auf seinem Strohsack ein wenig angewärmt hatte, mußte man hinaus zum Appell.
Da war nun dieses Gedicht, in dem schon der Auftakt Kälte und Gefangenschaft gleichsetzte: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche. Man muß Atem holen, um diese erste Zeile zu sagen; ich holte Atem. Eine Stimme, die mich direkt ansprach. Wind eines großen Aufbruchs, einer ausdrücklich nicht religiösen, nicht-christlichen Auferstehung (Denn sie sind selber auferstanden/Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern), von der ich mich also nicht ausgeschlossen fühlte. Der Rückzug des Winters (in rauhe Berge) und der Rückzug der deutschen Armee (wir konnten die Geschosse hören) waren ein und dasselbe. Es mußte ja gelingen, der Feind, die Kälte waren im Fliehen, sandten nur noch Ohnmächt'ge Schauer körnigen Eises/In Streifen über die blühende Flur. ...
Daß Menschen aus einem hohlen, finsteren Tor, aus einer quetschenden Enge, ausbrechen, daß Freiheit und Wärme dasselbe sind, das verstehe ich heute eigentlich nur, weil ich es damals so gut verstanden habe. Ich hab mir diese Dinge nicht wegen des berühmten Endes, hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein, angeeignet: Denn jedes zufriedene Jauchzen von groß und klein en masse hatte für mich einen unliebsamen Beigeschmack. Ich habe diesen Text praktisch sofort auswendig gekonnt wegen der Versprechen, die er enthielt. Und die er hielt. Im Tale grünet Hoffnungsglück. Es war eben ein sehr kalter Winter.
(Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend, Göttingen 1992, S.160f)
Wir werden jetzt der Opfer des Holocaust schweigend gedenken.
Nachtrag zur Gedenktagsansprache: Einen Anstoß zu ihr (unter mehreren anderen) gab mir die Preisrede Martin Walsers. Durch sie, die unmittelbare Reaktion auf sie in der Paulskirche und durch die anschließende Auseinandersetzung mit ihr wurde noch einmal besonders deutlich, wie wenig das öffentliche Bewußtsein in unserem Land für die Erinnerungsarbeit bereit ist, daß vielmehr nach wie vor der Appell, den Schlußstrich unter die Vergangenheit wie unter die Vergangenheitsbewältigung zu ziehen, Beifall der Mehrheit findet. Die gleiche Abwehr diagnostiziert Ruth Klüger in ihrem Buch als verbreitete, allgemein akzeptierte Haltung unmittelbar nach dem Krieg.
Den diesjährigen Friedenspreisträger erwähnt sie in "weiter leben" als kafkaversierten Studenten, jungen Literaten, Freund und Gesprächspartner in ihrem ersten Studiensemester an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Regensburg unter dem Namen Christoph. Gegen Vorhaltungen ihrer jüdischen Commilitonen, sich als jüdisches Mädchen mit einem Goj (214) nicht abgeben zu dürfen, hielt sie an der Freundschaft fest, geeint durch den gemeinsamen, wenn auch grundverschieden motivierten Wunsch nach Verdrängung der Vergangenheit:
- Ich wollte weg von denen, die Ähnliches erlebt hatten wie ich. Christophs Gesellschaft machte es leichter, nicht über das unverständliche Unrecht meiner Herkunft zu sprechen, und gleichzeitig war da der Drang, doch darüber zu sprechen, es mitmiteinzubeziehen in den neuen Anfang. Es war beides, Sowohl/Als-auch, undurchsichtiges Nebelzwielicht, wo die Schwerpunkt ihren Ursprung hat und die Gespenster gedeihen. Wir waren alle beteiligt an der Verdrängung der Vergangenheit, die früheren Häftlinge freilich weniger als die Freigebliebenen, und die früheren Täter am meisten. Uns allen war der Boden unter den Füßen zu heiß, und fast alle haben wir uns auf Neues verlegt, ...
(S. 213)
- Später, als auch Christoph, wie alle deutschen Intellektuellen unserer Jahrgänge, sein Wort zu Auschwitz gesagt hatte, nahm ich es ihm übel, daß er mich nicht voher ausgefragt hatte. Er war erstaunt: Er habe nicht gewußt, ich sei dort inhaftiert gewesen, Theresienstadt ja, Auschwitz nicht. ...
(S. 215)
Soweit zur Ungenauigkeit der Wahrnehmung neben allgemeinem Bekenntnis. Das folgende erhellt das heikle Sowohl/Als-auch: auf der einen Seite, dem Wortinhalt nach, die Distanzierung von Auschwitz, auf der anderen Seite die Wiederaufnahme der gegensätzlichen Gedankenwelt: der Fremdenhaß als etwas Normales, Menschenvernichtung im großen Stil: unabwendbare Atavismen, systematischer Terror: Folge von letztendlich verzeihlichen, wiedergutzumachenden Erziehungsfehlern:
- Eigentlich sei es ja gar nicht so abnormal, Fremde zu hassen, man hört das überall in Deutschland. Das gehe auf uralte Defensivmechanismen und steinzeitalterliche Hirnstrukturen zurück. Aufgabe einer fortschrittlichen Erziehung sei es dann, diese naiven Reaktionen abzubauen; durch aufgeklärtes Denken altes Hordendenken zu überwinden. Und was das Töten anbelangt, so hörte ich neulich einen Professor für Tierzucht sagen: Dem, der in einem Labor arbeitet, ist das Töten von 40 Mäusen Routine, man spricht nicht einmal davon. Wo aber nur eine Maus uns nach dem Abendessen quer über den Weg läuft, wird das Töten dieser einen Maus zum buchenswerten Ereignis. Es klingt so vernünftig, das Böse gibt es somit nicht, nur Gewohnheiten und primitive Veranlagungen, in schnurgerader Linie geht der Weg nach vorn, und für die Erziehung des Menschengeschlechts steht uns die ganze Ewigkeit zur Verfügung.
Auch Christoph sagt so was, der Judenhaß, der sei eben so ein Fremdenhaß gewesen, wie er allen Menschen natürlich sei.
(Klüger, weiter leben, Göttingen 1992, S. 215f)
Zu keinem Zeitpunkt also eine wirkliche Bereitschaft zur Auseinandersetzung, weder unmittelbar nach dem Krieg noch heute - das ist die Essenz des Falls Walser; die Konsequenz: Wann, wenn nicht jetzt stellt man sich der Aufgabe?
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