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Home >> Lesestoff >> Artikel >> Kinder von Tätern und Opfern – Originaltext


von Heiner Otterbach und Heidi Hilbig

Kinder von Tätern und Opfern

Begegnungen zwischen dem Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster und dem Boyar-Gymnasium in Jerusalem

Das Einschneidendste und Ergreifendste erlebten wir in Treblinka, dem Todeslager, von wo es für deportierte Juden kein Entrinnen gab. Wer hierherkam, wurde sofort in den Gaskammern ermordet. Batsheva erzählte uns von ihrer Familie. Eine Schwester und ihre Eltern kamen in Treblinka um. Nur ein Stein gedenkt der Opfer aus Radom, woher sie kamen, wie fast jede Stadt in Polen dort ihren Stein des namenlosen Gedenkens hat. Batsheva, die Wißbegierige, Gütige lehnte an diesem Stein mit der Aufschrift "Radom" und rang um Fassung, während sie weinte. Sie wollte uns eine Stütze sein und trauerte selbst mit ihrem ganzen Sein.

Wir sahen sie und suchten Halt aneinander. Es gab keine Nationalität mehr angesichts dieser unermeßlichen Trauer eines Menschen, den wir kennengelernt hatten. Wie viele Menschen und ihre Schicksale liegen in dem Stein mit dem Namen nur einer Stadt, wie viele werden wir niemals erfahren. (Katharina Mangold)

Das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster und das Boyar-Gymnasium in Jerusalem haben in den Jahren 1990, 1992, 1994 und 1996 Begegnungen zwischen Schülern beider Schulen durchgeführt. Die Israelis waren jeweils zunächst bei uns in Berlin in den Familien der deutschen Partnerschüler untergebracht. Die Gruppen bestanden jeweils aus etwa 18 deutschen bzw. israelischen Oberstufenschülern im Alter von 17 bis 18 Jahren, die von 2 Lehrern unserer Schule und 2 Lehrern des Boyar-Gymnasiums begleitet wurden. Die Gruppen lernten sich in Berlin näher kennen und besuchten in Begleitung ihrer Lehrer jüdische Stätten und Gedenkstätten der nationalsozialistischen Verfolgung in Berlin und Umgebung. Anschließend reisten wir gemeinsam nach Osteuropa. In der Tschechischen Republik besuchten wir Prag, beschäftigten uns mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt und fuhren zum Getto Theresienstadt. Während des Aufenthalts in Krakau beschäftigten wir uns mit der Geschichte der Juden in Krakau und Galizien. An zwei Tagen besuchten wir die Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau. Bei anderer Gelegenheit waren wir in Warschau, Treblinka und Tikozin.

Das Besondere dieser Besuche lag in dem gemeinsamen Gedenken von jüdischen und deutschen Schülern und Lehrern an diesen Orten. Dankbar waren wir für die verständnisvolle und einfühlsame Begleitung von Ruth Elias, Jehoshua Büchler und Batsheva Dagan. Sie sind Zeitzeugen, die heute in Israel leben und die Lager Theresienstadt, Buchenwald und Auschwitz überlebt haben.

Den Versuch des Nazi-Regimes, das jüdische Volk zu ermorden, betrachten wir nicht als ein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit, sondern als ein Verbrechen mit traumatischen Auswirkungen, die uns, als Nachfahren der Täter, und die Opfer und deren Kinder bis in die Gegenwart hinein berühren und belasten. Die Auswirkungen sind allenthalben in Deutschland und in Israel spürbar. In Israel hatte man nach dem II. Weltkrieg die Geschehnisse und Auswirkungen der Shoah zunächst nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Daß sich Millionen scheinbar "wie Schafe zur Schlachtbank" hatten führen lassen, paßte nicht in die Aufbruchs- und Pionierstimmung des jungen Staates. Erst mit dem Eichmann-Prozeß 1961 trat das Geschehene mehr in den Vordergrund des Interesses. In der Zwischenzeit hat man damit begonnen, sich intensiv mit der Shoah zu beschäftigen und ein Bild von der Vergangenheit zu erarbeiten, das an die zukünftigen Generationen weitergegeben werden soll. Die Beschäftigung mit dem Holocaust nimmt in Schule und Gesellschaft eine große Bedeutung ein. Es gibt offizielle Gedenktage und Veranstaltungen, und das Thema ist Gegenstand des Unterrichts an den Schulen. Viele Überlebende leiden noch heute unter den Nachwirkungen der Verfolgung. Die Shoah ist ein wesentlicher Teil des Selbstverständnisses Israels.

Auch die Kinder der Überlebenden haben von ihren Eltern über die Grausamkeiten der Nazis gehört, sie haben erfahren, wie sich ihre Eltern mit der Vergangenheit abmühen. In Israel gehört die Shoah nicht der Vergangenheit an. In diesem Erinnern sind die Deutschen die Täter. An ihnen bleibt die Verantwortung für das Geschehene haften. Viele der Schüler des Boyar-Gymnasiums, mit denen wir während des Austausches zusammentreffen, haben Geschichten über die Verfolgung von ihren Eltern oder Großeltern gehört. Für sie ist die Vergangenheit im allgemeinen viel lebendiger als für unsere Jugendlichen, obwohl es sich bei ihnen in der Zwischenzeit schon um die Generation der Kindeskinder handelt.

In Deutschland hat man auf das Geschehene vielfach mit Verdrängung reagiert. Dies ist vielleicht verständlich, da man sich mit einem dunklen Kapitel der Geschichte des eigenen Volkes und der eigenen Väter und Großväter auseinandersetzen muß. Die Generation der Täter hatte allen Anlaß, ihre Taten zu verschweigen bzw. zu verharmlosen. Das fiel ihnen um so leichter, als Wiederaufbau und Integration in die Blöcke Schweigen und Verdrängung entgegenkamen. Das konnte jedoch nicht verhindern, daß die deutsche Öffentlichkeit immer wieder und in unterschiedlicher Form vom Nationalsozialismus eingeholt wurde und sich den Untaten stellen mußte. Obwohl das Thema in der Öffentlichkeit in vielfältiger Weise angesprochen wurde und wird, bleibt eine tiefere Auseinandersetzung schwierig und ist auch heute mit Abwehrreaktionen besetzt. Während die Tätergeneration in Zeiten des Wiederaufbaus und der Demokratisierung die Schuld am Nationalsozialimus herunterspielte, erscheint es heute ziemlich deutlich, daß die Verstrickung vieler Deutscher in die Mordmaschinerie tiefer war, als zugegeben wurde. Die vor kurzem veröffentlichten Tagebücher des Victor Klemperer legen beredtes Zeugnis darüber ab, was man wußte und hätte wissen können, wenn man nur gewollt hätte. Die Verbrechen wurde eben nicht nur von verrückten Einzeltätern oder wenigen SS-Leuten begangen. So ist die schuldhafte Verstrickung vieler auch ein Grund, warum man in Deutschland oft Schwierigkeiten bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust hat. In Deutschland sieht man es nicht wie in Israel als eine wesentliche Aufgabe an, die geschichtliche Wahrheit an die kommenden Generationen weiterzugeben. Das wiedervereinte Deutschland ist eher an Normalität interessiert, damit es wieder unbedarft eine Rolle unter den Völkern spielen kann. Die Schatten der Vergangenheit wirken dabei eher störend.

Die Diskussion über die Bedeutung des Holocaust hat viele Aspekte. Dies erscheint uns jedoch unbestreitbar: Wir müssen das Wissen über die Shoah weitergeben, damit solches nie wieder geschehen kann. Dies sind wir unserem eigenen Volk und vor allem den jungen Menschen in diesem Land schuldig. Darüber hinaus geht es aber auch um ein allgemein menschliches Problem und die Frage nach dem, was der Mensch ist und was er anderen antun kann. Insofern ist die Beschäftigung mit diesem Kapitel unserer Vergangenheit auch eine Frage nach den Natur des Menschen und als allgemeine Bildungsfrage von zentraler Bedeutung.

Eine evangelische Schule ist darüber hinaus wegen der religiösen Verbindungen zum jüdischen Volk in besonderer Weise verpflichtet, die Rolle des Christentums bei der Tradierung der Judenfeindschaft zu bedenken und die eigene Haltung zum Judentum in Frage zu stellen. Auch Christen waren schuldhaft verstrickt und haben den Verfolgten nicht so geholfen, wie sie es gemäß ihren Überzeugungen hätten tun müssen. Wir können das Gespräch mit dem Judentum heute nur mit großem Respekt vor dem jüdischen Glauben und ehrlicher innerer Anerkennung der Eigenständigkeit der jüdischen Religion führen. Es stellt sich auch die schwerwiegende Frage, wo Gott in Auschwitz war und warum er es zuließ, daß seine Kinder hingeschlachtet wurden. Wir wissen darauf keine Antwort, kommen aber nicht umhin, diese Frage zu stellen.

Bei unseren Bemühungen geht es uns nicht um eine Verewigung des schlechten Gewissens oder um die Zuweisung kollektiver Schuld, schon gar nicht gegenüber der heutigen Generation. Auch in Israel gibt es wenige, die dies tun. Mit ihnen treten wir auch nicht in Kontakt, da sie mit Deutschen nichts zu tun haben wollen. Wir wollen, daß die Schüler ein möglichst klares, wahres und anschauliches Bild der damaligen Ereignisse erhalten, damit sie ihre Rückschlüsse im Sinne eines "Nie wieder" und "Wehret den Anfängen" ziehen können.

Wenn man die Beschäftigung mit dem Holocaust in unserem Lande betrachtet, so stellt man fest, daß die Haltungen und Reaktionen sehr unterschiedlich sind. Manche sind sehr stark betroffen. Viele sind zwar empört, aber ihre Betroffenheit hält nicht lange vor. Andere sagen offen, daß sie endlich mit dem Thema in Ruhe gelassen werden wollen. Manche geben nicht zu, daß sie nichts mehr darüber hören wollen, und begründen dies mit allerlei Argumenten, die wir nicht gelten lassen können. Wenn man Ohren und Augen offen hält, so kann man viel über den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung erfahren. In Deutschland fehlt es wahrhaftig nicht an Material, Gedenkstätten und Gedenkveranstaltungen. Dennoch haben wir den Eindruck, daß vieles an vielen vorbeirauscht und sie nur am Rande oder gar nicht betrifft. Die Distanz zu den Ereignissen wächst mit der von Tag zu Tag größer werdenden Zeitspanne zwischen uns und dem Geschehenen. Wir sind jedoch der Überzeugung, daß in unserer Generation eine Historisierung des Nationalsozialismus und der Shoah weder möglich noch wünschenswert ist. Das Geschehen holt uns sowieso immer wieder ein, ob wir es wollen oder nicht. Es wird immer wieder an uns herangetragen. Wir haben nicht die "Gnade der späten Geburt". Daher müssen wir unsere Schüler informieren, damit sie sich über die Vergangenheit ein angemessenes Bild machen können. Wir hoffen, daß die Beschäftigung mit dem Holocaust bei ihnen Betroffenheit und Handlungsbereitschaft auslösen.

Die Schule berücksichtigt den Holocaust in ihren Lehrplänen. Sie tut, so ist zu hoffen, was sie tun kann. Angesichts der Bedeutung des Holocaust hat sie bei der Vermittlung des Geschehenen eine große Verantwortung. Die Shoah war nicht nur vielfacher Mord, es handelte sich auch um vielfältige Mechanismen der Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt. Der Holocaust ist sozusagen ein negatives Lehrstück für das, was nie wieder geschehen darf. Alles, was in Vorbereitung und Durchführung des Mordens geschehen ist, darf sich in der einen oder anderen Form nie mehr wiederholen, weder in Deutschland noch in einem anderen Land. Die "Gnade der späten Geburt" besteht in Wirklichkeit darin, daß wir wissen, was passieren kann, und uns darauf einstellen können. Auch aus diesem Grund ist es von größter Bedeutung, daß die Schüler erfahren, was geschehen ist. Sie sollen wachsame Zeitgenossen sein, die sich gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt wehren.

Die Beschäftigung mit dem Thema sollte sich unser Meinung nach verstärkt um die affektive Ebene bemühen. Wir wollen bei den Schülern eine Einstellung erreichen, die sie, sollte es nötig sein, zum Handeln aufruft und befähigt. Es reicht nicht aus, nur zu wissen, was geschehen ist. Uns geht es auch um Betroffenheit. Die Erfahrung zeigt, daß eine solche Betroffenheit im Rahmen des normalen Unterrichts nur schwer zu erreichen ist. Wir setzen daher auf die menschliche Begegnung, die das Thema lebendig und anschaulich macht, zum Handeln herausfordert und damit den Schülern eine Erfahrung vermittelt, die sie nicht mehr vergessen.

Menschliche Begegnung findet im Projekt auf mehreren Ebenen statt. Zunächst gibt es die Begegnung mit einem Zeitzeugen, einem Überlebenden des Holocaust. Er erzählt uns seine Geschichte und erklärt uns am Ort des Geschehens, was er erlebt hat und wie es möglich war zu überleben, während so viele andere sterben mußten. Wir sind sehr dankbar, daß sich in Israel bisher Überlebende gefunden haben, die bereit waren, uns zu begleiten. Es war für sie sehr schwer, über die unmenschliche Behandlung , die sie erfahren haben, zu berichten und zu erzählen, wie sie ihre nahen Verwandten verloren haben. Wir sind Ruth Elias, Jehosha Büchler und Batsheva Dagan zu großer Dankbarkeit verpflichtet. Darüber hinaus sehen wir es als ein Privileg an, über die Ereignisse aus erster Hand zu erfahren. Man kann ihre Beitrag nicht hoch genug einschätzen. Sie haben sich als großartige Menschen und Vorbilder herausgestellt.

In den Erzählungen der Überlebenden gab es immer einen Punkt, der uns Zuhörern besonders nahe ging. Sei es Ruth Elias' Erzählung über die Geburt ihres später von Mengele ermordeten Kindes, dem sie nie einem Namen geben konnte, sei es der Bericht Jehoshua Büchlers über die Selektion in einem Auschwitzer Kinderblock, die er als einer der wenigen überlebte, während über 900 Kinder sterben mußten, oder sei es die Trauer Batsheva Dagans um ihre ermordeten Eltern und Geschwister im Vernichtungslager Treblinka. Wir, Israelis und Deutsche, Überlebende und Nachkommen fühlten uns einander in solchen Augenblicken sehr nahe, alle, die wir da standen, schweren Herzens zuhörten und der Opfer gedachten. So wie wir diese Erzählungen niemals vergessen können, so hoffen wir, daß sie auch in den Herzen der Schüler als dauernde Erinnerung verbleiben. Wir Deutsche verneigen uns vor den Opfern und ihren Leiden. Es ist nicht viel, was wir tun können, aber eine Geste von großer Bedeutung auch für uns selbst. Wir stellen uns mit unseren bescheidenen Möglichkeiten der Vergangenheit und blenden sie nicht aus.

Die Begegnung mit den Zeitzeugen ist ein wesentlicher inhaltlicher Aspekt des ganzen Projekts. Geschichte wird am Einzelschicksal deutlich und verbleibt nicht im Bereich einer anonymen und schwer vorstellbaren Zahl von 6 Millionen, deren Namen man nicht kennt und deren Geschichte fern ist. Wir hoffen, daß die konkret erfahrenen Erlebnisse der Überlebenden alle dazu anregen, sich weiter mit dem Holocaust, mit Tätern, Taten und Opfern zu beschäftigen. Es reicht sicherlich nicht aus, nur anläßlich der Begegnung mit den Israelis eine Phase intensiver Beschäftigung mit dem Thema zu durchlaufen. Deshalb hoffen wir, daß die Schüler, angeregt durch die Berichte der Überlebenden und ermutigt durch die persönliche Beziehung zu ihren israelischen Freunden, sich weiterhin mit dem Thema beschäftigen und auseinandersetzen werden. Denn man muß der Vielfalt der Ereignisse gerecht werden und die Einzelheiten kennen, um das Geschehene in seiner Ungeheuerlichkeit zu ermessen.

Die Geschichte der Überlebenden strukturiert zudem auch die Reiseroute. Wir reisen zu den Orten, an denen sie gelebt und gelitten haben, und erhalten so eine unmittelbare Anschauung vor Ort. Dies ist ein unverzichtbarer Teil der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema.

Eine anderen Ebene der Begegnung findet zwischen den Schülern statt. Die Einstellung zum Thema ist in Israel eine andere als in Deutschland. Indem unsere Schüler den Israelis begegnen, müssen sie sich mit deren Sicht der Dinge auseinandersetzen. Geschichte wird so lebendig, weil man auf das reagieren muß, was der andere einbringt, auch wenn es einem vielleicht nicht paßt, was der andere denkt. Die eigene Position muß verteidigt, hinterfragt und unter Umständen auch verändert werden. Das gilt natürlich auch für die israelischen Schüler. Am Ende unserer Begegnungen stand auf israelischer Seite immer auch ein differenzierteres Deutschlandbild, weg von Dämonisierung und pauschaler Schuldzuweisung. Dies gilt auch für die Ebene der Gefühle und nicht nur für das rationale Denken. Wir haben Augenblicke erlebt, in denen sich manche unserer Schüler als (Nachkommen der) Täter und die Israelis sich als (Kinder der) Opfer fühlten. Hier hatte sich die Geschichte auf eine durchdringende Weise in unser Fühlen hineingedrängt.

Dies wurde besonders deutlich während der von den Israelis geplanten und durchgeführten Gedenkzeremonien, in denen es zunächst nicht klar war, ob und wie sich unsere Schüler beteiligen sollten. In Israel sind die Zeremonien ein wichtiger Weg, der Opfer zu gedenken. Ihre Gestaltung ist einerseits offen und vielfältig, andererseits gibt es eine Reihe allgemein akzeptierter Gebete und Texte, die im Gedenken immer wieder Verwendung finden. In Deutschland ist das kollektive Gedenken in Form von Zeremonien gerade durch den Nationalsozialismus so mißbraucht worden, daß die junge Generation heute kaum noch eine Beziehung zu solchen Formen des Erinnerns und Mahnens hat. Sehr oft wurde in den Gruppen die Frage, ob die deutsche Sprache als Sprache der Täter für Gedächtnis und Erinnerung verwendet werden dürfe, intensiv diskutiert. Immer haben sich die israelischen Schüler schließlich bereiterklärt, unsere Schüler als gleichberechtigte Teilnehmer an den Zeremonien zu akzeptieren, und sie haben auch die Verwendung des Deutschen angenommen. Trotz der Schwierigkeiten haben wir im gegenseitigen Verhältnis immer wieder einen Neuanfang gefunden und die Beziehungen zwischen den Israelis und den Deutschen vertiefen können. Das bestimmende Gefühl am Ende der Begegnungen war, daß sich junge, einander in vielem ähnliche Menschen aus verschiedenen Ländern begegnet sind, die gut miteinander zurecht kommen können, gerade auch deswegen, weil sie ehrlich miteinander gewesen sind und sich dem gestellt haben, was zwischen ihnen liegt.

Eine wahrscheinlich weniger wichtige, aber doch erwähnenswerte Begegnung fand auch zwischen Lehrern und Schülern statt. Wir können hier nicht für die Schüler sprechen, denken aber, daß sie uns nicht nur als Notengeber oder Einschränkende im schulischen Sinne erlebt haben, sondern als mehr oder weniger gleiche, die sich gemeinsam mit ihnen einer Erfahrung stellen. Wenn wir nicht nur in unserer Rolle als Lehrer wahrgenommen wurden, hoffen wir, daß dies auch eine gute Auswirkung auf das Bild der Schüler von Schule und Lernen hat. Wir waren auf jeden Fall dankbar, daß wir die Schüler außerhalb der Schule begleiten und in ihnen überwiegend interessante junge Menschen kennengelernt haben.

Verschiedentlich ist die Frage gestellt worden, ob sich das Projekt nicht zu einseitig mit der Vergangenheit beschäftige und den Krisenherd Nahost in der Vorbereitung und Diskussion vernachlässige. Dadurch entstehe ein unvollständiges, wenn nicht gar unkritisches Bild von Israel und den Verwicklungen der streitenden Parteien im Nahen Osten. Wir haben uns bewußt dafür entschieden, uns den Problemen der Gegenwart über die Vergangenheit zu nähern. Zunächst muß man über das Schicksal der Juden in Europa Bescheid wissen, erst dann kann man sich ein umfassenderes Bild von der heutigen Lage im Nahen Osten machen. Dies gilt vor allem für uns Deutsche. Die Israelis haben ein ausgeprägtes historisches Denken. Viele verstehen den Staat Israel als eine Antwort auf das den Juden widerfahrene Unrecht. Im Gespräch mit ihnen muß man dem Rechnung tragen. Wir sind der Überzeugung, daß die Beziehung zwischen Israel und Deutschland eine besondere Qualität hat und wir dies berücksichtigen müssen. Forsche Kritik und Ratschläge sind unangebracht und können peinlich, wenn nicht manchmal sogar unverschämt sein. Sie erreichen jedenfalls das Gegenteil von dem, was vielleicht beabsichtigt ist.

Während der Vorbereitung hat der Nahostkonflikt stets auch eine Rolle gespielt. Wir haben die Fragen der Schüler beantwortet und Stellung bezogen. Bei den Vorbereitungen wurden über dieses Thema Referate gehalten und Diskussionen geführt. Gerade auch um das Verständnis der Schüler über die Vergangenheit hinaus zu entwickeln und ihr Bewußtsein für die Gegenwart zu schärfen, sind wir nach Israel gefahren, um zu verstehen, welche Schlußfolgerungen viele aus der Shoah gezogen haben. Aus diesem Grunde, und nicht nur, um die während der Europareise zu den Israelis geknüpften persönlichen Beziehungen zu vertiefen, ist die Israelfahrt ein unabdingbarer Bestandteil des Begegnungsprojekts.

Last but not least einige Anmerkungen zu den Finanzen. Im Laufe der Jahre sind die Kosten des Projekts ständig gestiegen. Wir waren immer auf finanzielle Unterstützung angewiesen und sind dankbar, daß wir diese von schulnahen Organisationen (Elternhilfswerk, Verein der Freunde des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster und Stiftung Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster), dem Bischof der Evangelische Kirche Berlin - Brandenburg - schlesische Oberlausitz und dem Senat erhalten haben. Mehrfach sind wir auch bei der Vergabe von Stiftungsgeldern der Bob-Stiftung berücksichtigt worden. Da die Kosten in den kommenden Jahren sicherlich weiter steigen werden, bleiben wir auf Förderung angewiesen, und da man leider nicht davon ausgehen kann, daß die Gelder, die bisher zur Verfügung standen, auch in Zukunft uneingeschränkt vorhanden sein werden, bleibt die Finanzierung ein Problem. Wir müssen eine Entscheidung treffen, ob wir das Projekt weiterführen wollen. Dann werden sich Mittel und Wege der Finanzierung finden. Wir jedenfalls werden alles daran setzen, daß wir unsere Beziehung zu den Israelis fortsetzen. Wir haben zu viel von ihnen gelernt, als das wir auf ihre Freundschaft verzichten könnten.


© 2010 Ev. Gymnasium zum Grauen Kloster  email